Stiffneck – Das Ende eines Rettungsdienst-Dogmas? (Teil 1 der Serie über aktuelle Entwicklungen in der präklinischen Notfallmedizin)

Anlässlich des 1000. Fans unserer Facebookseite starten wir heute mit einer Serie, in der wir einige aktuell oft diskutierte Arbeiten vorstellen wollen. Studien, die uns in unserer täglichen Arbeit im Rettungsdienst früher oder später stark beeinflussen werden. In kaum einem Bereich wie in der Medizin verändert sich das Wissen derart rasant. Auch weit verbreitete Maßnahmen können von einem Tag auf den nächsten veraltet sein. Gleich im ersten Teil geht es um einen aktuellen Artikel, der eine der Hauptsäulen des modernen Rettungsdiensts in Frage stellt, die Halswirbelsäulenimmobilisierung bei Traumapatienten mit einer Cervicalstütze.

Stiffneck – Das Ende eines Dogmas?
Vor über 30 Jahren wurde die Cervicalstütze im Rettungsdienst eingeführt und ist seitdem in jeder Traumaleitlinie fest verankert. Doch nun zeichnet sich ein Wandel bei dem Einsatz dieser Immobilisierungsmaßnahme ab.
In einem aktuellen Review[1], einer umfassenden Auswertung der aktuellen Studienlage zum Einsatz von Halswirbelsäulen-Stützen, kommen die Autoren zu einem überraschenden Ergebnis. Zum Nutzen der Halswirbelsäulen-Stützen gibt es inzwischen äußerst widersprüchliche Resultate und derzeit keine ausreichende wissenschaftliche Grundlage um den generellen Einsatz zu rechtfertigen. Die Arbeit zieht in Zweifel, ob bei den allermeisten Patienten eine Immobilisierung der Halswirbelsäule überhaupt nützlich ist, oder ob Schäden durch die Anlage bei vielen Patienten nicht überwiegen könnten.
Bereits vor einigen Jahren gab es eine umstrittene Untersuchung, die den Einsatz solcher Stützen mit schlechterem Outcome der Patienten in Verbindung brachte.[2] Neben weiteren Hinweisen auf Schädigungen durch die Stiffneck Anlage führen die Autoren des Reviews auch mehrere Studien auf, die einen Anstieg des ICP (Intrazerebraler Druck) beobachtet haben.[3][4][5][6][7][8], was vor allem bei Patienten mit Schädel-Hirn-Trauma schwere Konsequenzen haben könnte. Weiterhin zeigt die Arbeit auch weitere kritische Aspekte der HWS-Immobilisierung mit Stiffneck auf, wie z.B. eine deutlich erschwerte Atemwegssicherung.

Die Autoren empfehlen daher abschließend, eine Hals-Wirbelsäulenimmobilisierung nur noch bei Patienten durchzuführen, die besonders gefährdet für instabile HWK- Frakturen sind. Zur Identifizierung dieser Patienten könnten Algorithmen wie die „Canadian C-Spine Rule“ in Frage kommen.
Diese Patienten sollen, so die Empfehlung, mittels Headblocks und Straps und nicht mehr mit einem Stiffneck immobilisiert werden. Stiffnecks sollten nur noch speziellen Situationen vorbehalten sein, wie in manchen Fällen zur Rettung aus Fahrzeugen.
Werden wir also in Zukunft auf den Einsatz von Stiffnecks gänzlich verzichten? Es bleibt abzuwarten, wie die Fachgesellschaften und Kurssysteme wie PHTLS oder ITLS auf diese für viele überraschende Arbeit reagieren werden. Vermutlich wird sich in der nächsten Zeit unser Ansatz der konsequenten HWS-Immobilisation bei Traumapatienten tatsächlich radikal ändern.

Einzelnachweise / Quellen:

  1. 1. Sundstrøm T, Asbjørnsen H, Habiba S, Sunde GA, Wester K. Prehospital use of cervical collars in trauma patients – a critical review. J Neurotrauma. 2013 Aug 20.
  2. 2. Hauswald, Ong, Tandberg, Omar. Out-of-hospital spinal immobilization: its effect on neurologic injury. Acad. Emerg. Med. 1998 (5) S. 214-219.
  3. 3. Craig, Nielsen. Rigid cervical collars and intracranial pressure. Intensive Care Med. 1991 (17) S. 504-505.
  4. 4. Davies, Deakin, Wilson, The effect of a rigid collar on intracranial pressure. Injury. 1996 (27) S. 647-649.
  5. 5. Hunt, Hallworth, Smith. The effects of rigid collar placement on intracranial and cerebral perfusion pressures. Anaesthesia. 2001. (56) S. 511-513.
  6. 6. Kolb, Summers, Galli. Cervical collar-induced changes in intracranial pressure. Am. J. Emerg. Med. 1999 (17) S. 135-137
  7. 7. Mobbs, Stoodley, Fuller. Effect of cervical hard collar on intracranial pressure after head injury. ANZ J. Surg. 2002. (72) S. 389-391.
  8. 8. Stone, Tubridy, Curran. The effect of rigid cervical collars on internal jugular vein dimensions. Acad. Emerg. Med. 2010 (17) S. 100-102.

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  1. Die Abkürzung ICB für intracraniellen drück bzw den hirndruck an sich ist in dem Zusammenhang falsch. Sie lautet nämlich ICP und leitet sich vom englischen” intercranial pressure”ab. Die Abkürzung ICB steht in der Regel für eine intercranielle Blutung . An sich aber ein guter Artikel und hirndruckanstiege bei sht Patienten mit anliegenden stiffneck oder schanz ‘ scher Krawatte kann ich aus eigener Erfahrung in der intensivpflege bestätigen, die Dinger drücken gerne mal die jugularvenene ab und zack haste Hohe icps, das Phänomen ist präklinisch natürlich kaum einschätzbar da man im Rettungsdienst ja eher nicht über Evd anlagen bzw ICP Sonden verfügt ….

    • Rettungsdienst Updates

      Danke für den Hinweis und Ihren interessanten Kommentar. Den Schreibfehler haben wir korrigiert.

  2. Dr. T. Trübenbach

    Guten Tag, mich würde interessieren, ob man irgendwo für “normales Geld” an den Originalartikel kommt?
    Das “Journal of Neurotrauma” bietet einen online-Zugang für 24 Stunden um 59 Dollars !! Das kann ja wohl nicht wahr sein! Das nenne ich Abzocke vom Feinsten.
    Mal sehen, ob man ihn auch über eine normale Datenbankabfrage bei pubmed o.ä. bekommt.

  3. Habe von dieser Studie gehört. Soweit ich mich erinnern kann, geht es sogar ein wenig provokanter weiter… Soweit ich das noch im Gedächtnis habe, bringen die Autoren die potentiellen HWS-Schäden sogar prozentual eher mit falscher Anlage als mit dem eigentlichen Trauma in Verbindung. Sollte meine Erinnerung mich da nicht trügen, so ist die HWS-Immobilisation mittels Stifneck nach wie vor ein probates Mittel zur Ruhigstellung, bedarf aber gerade in praktischen Trainings deutlich mehr Aufmerksamkeit (Hardskill-Training). Wenn ich mich recht an meinen letzten Traumakurs erinnere (ein deutsches Format): “Stifneck legen wir während der Szenarien nicht an. Das habt ihr schon als Rettungshelfer gelernt, von daher gehen wir davon aus, dass ihr das könnt”

    Bis zu einer möglichen Änderung der Guidelines sollte sich jeder kritisch reflektieren und in einer stillen Ecke nochmal ein paar Minütchen mit dem Stifneck üben um das Handling sicher zu gestalten.

  4. Die entscheidende Problematik bei der Bewertung dieser Studien ist meiner Meinung nach folgende: Da ja bei – besonders bei eindeutigen und somit schweren – Wirbelsäulentraumata seit Jahrzehnten IMMER Stifnecks verwendet werden, haben auch alle, die ein schlechtes Outcome (vulgo: schweres Wirbelsäulentrauma) haben, einen Stifneck am Unfallort erhalten. Daraus folgt, dass ja der Einsatz des Stifnecks ganz automatisch mit einem schweren Trauma und damit mit einem schweren Outcome korreliert! Ganz egal, ob nun der Stifneck tatsächlich wirklich selbst für zusätzliche Schäden sorgt oder nicht… Einmal mehr gilt: cum hoc non ergo propter hoc!

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